Das Menden-Modell
Jetzt kann jeder gucken kommen: Im Mendener Rathaus wurde am Sonntag das Mendener Stadtmodell „der Öffentlichkeit übergeben”. So hat Menden im Jahr 1829 ausgesehen. Naja, nicht ganz so schön, wahrscheinlich; denn was Wolfgang Kißmer und Georg Hanke da gebaut und bemalt haben, ist ganz einfach wunderschön anzuschau’n. So schön wird’s „in echt” gar nicht gewesen sein …
Es waren zwar viele Interessierte zur feierlichen Enthüllung der „Riesenbonbonniere”, wie Bürgermeister Volker Fleige das rotverhüllte Modell nannte, gekommen. Doch hätte diese Eröffnung weit mehr Zuschauer verdient. Der Bürgermeister plauderte gewohnt witzig aus dem Nähkästchen, erzählte, wie die Idee aufgekommen und gleich wieder begraben worden sei. Er hatte jetzt auch begriffen, warum sein Drängen zur Eile von Stadtarchivar Norbert Klauke stets mit größter Gelassenheit beantwortet worden war: Die Einweihung des Stadtmodells traf – welch Glückes Fügung – mit dem silbernen Dienstjubiläum von Norbert Klauke zusammen.
Der Bürgermeister bedankte sich bei allen, die an der Verwirklichung des Projektes Teil hatten. Wolfgang Kißmer, Menden-Forscher und Modellbauer hob die Geduld der Ehefrauen hervor und unterstrich den Wert von Zusammenarbeit der ehrenamtlich tätigen Heimatforscher mendens. Der Lendringser Wilhelm-Josef Droste hatte sein eigenes Geschichts-Projekt zurückgestellt, um den Mendener Kollegen zu helfen.
Museumsleiterin Jutta Törnig-Struck glänzte als Geschichte-Erzählerin. Sie entwarf einen Tag im Menden von 1829, in dem die Vorfahren der Beteiligten vorkamen.
Hier die Ansprache der Mendener Museumsleiterin Jutta Törnig-Struck zur Präsentation des Mendener Stadtmodells am 2. Mai 2010 im Rathaus: Die Nummern in den Klammern helfen, die Häuser im Modell zu finden. Drucken Sie sich diesen Artikel einfach aus und gehen Sie damit ins Rathaus. Dann finden Sie sich in Menden 1829 wunderbar zurecht!
Nach 4jähriger Recherche- und Bauzeit haben diese Stadtforscher in ca. 2600 Arbeitsstunden, von denen alleine 400 Stunden den Malerarbeiten zukommen, nach dem Urkataster von 1829 ein Modell der Stadt Menden geschaffen. Zwei Gebäude, die evangel. Kirche und das sog. Kessemeierhaus aus dem Jahr 1834 wurden noch hinzugefügt. 334 Gebäude im Maßstab 1 : 300 umfasst die Anlage: neben drei Gotteshäusern, dem Rathaus, dem Hospiz und 5 Türmen sind es 9 Brauhäuser, 4 Backhäuser, 6 Mühlen, 4 Schmieden, 1 Beizhaus, 19 Scheunen, 10 Speicher, 20 Pferde-, Schweine- und Schafställe.
Die Mühlengruppe mit Papiermühle, Schneidemühle, Ölmühle und dem Beizhaus ist übrigens durch ein rotes Band abgegrenzt, sie lag weiter außerhalb. Die Schlossmühle und die Lohmühle mit den klappernden Mühlenrädern an der rauschenden Hönne sind ebenso markante Punkte innerhalb der historischen Stadt wie das alte Mendener Schloss.
Gebäude, für die keine Unterlagen ermittelt werden konnten, wurden an die umgebenden angepasst Bei widersprüchlichen Angaben wurde gemittelt. Die Anlage entspricht also der Vorstellung eines möglichen Stadtbildes – ich behaupte, eines überaus wahrscheinlichen Stadtbildes – sie ist keine 100%ige Kopie des damaligen Stadtbildes. Geschichtsschreiber haben unterschiedliche Nachrichten hinterlassen. Den 5 Modellbauern bleibt daher eine große Sorge: hier und da im Detail nicht immer wissen zu können, wie war es wirklich, nicht die absolute Sicherheit zu haben, so hat es ausgesehen, nicht zu wissen, wo stand welcher Baum. Diese Sorgen kann ich Ihnen heute nehmen: besser, anschaulicher, lebendiger, lebensnaher kann man den Eindruck der Stadt Menden um 1829 nicht wiedergeben – meine allergrößte Hochachtung!
Für jedes der Gebäude wurde ein Datenblatt angefertigt von 1785 bis um 1900 mit Angaben über die Bauart, Gebäudegröße, Besitzerwechsel und Bewohner. Benutzte Quellen waren die Bauakten der Bauverwaltung der Stadt Menden, aus dem Stadtarchiv die Bauakten, Baupolizeiakten, Bildarchiv, Brandschäden, Brunnen und Wasserleitung, Eigentümerlisten, Feuerpolizeiakten, Feuerversicherungsakten, Friedhöfe, Lagerbuch, Mühlen, Ratsprotokolle, Schatzungsregister, Verkäufe und Verpachtungen, aus dem Staatsarchiv Münster die Grundbücher der Stadt Menden, diverse Karten aus dem Katasteramt Lüdenscheid, Tauf-, Trau- und Sterberegister sowie Pfarrakten aus dem Pfarrarchiv der St.Vincenz-Gemeinde und dem Pfarrarchiv der Hl.Geist-Gemeinde, diverse Karten und Bilder aus dem Mendener Museum sowie diverse Akten, Karten und Bilder aus privaten Archiven. Was für eine wertvolle Dokumentation, was für eine Fundgrube für alle Menden-Forscher, Geschichts- und Heimatforscher, was für eine Fleißarbeit – die ebenfalls in die Geschichte eingehen wird! Mit dieser Arbeit werden Sie genauso in die Geschichte der Menden-Forschung eingehen wie die großen Namen von Gisbert Kranz, Papenhausen oder Friedrich Glunz – und das will schon was heißen.
Aber das Modell erzählt noch mehr Geschichten: In dem vornehmen Haus des Tuchfabrikanten und Kaufmanns Lillotte (74) wird lauthals geschimpft: der Vater ärgert sich über seinen nichtsnutzigen Sohn Friedrich, der zum wiederholten Male den Gedanken geäußert hat, Künstler zu werden, anstatt einen gescheiten Beruf zu erlernen. Mehr Freude macht ihm dagegen seine Tochter Antoinette, auf die seit einiger Zeit der tüchtige, wohlhabende und gutaussehende Brauereibesitzer Ernst Anton Schmidt aus der Marktstraße (83) ein Auge geworfen hat. Das Liebespaar zieht sich zum Schmusen gern in den Schatten der Kirche zurück. Religiöses Leben bestimmt den Alltag der Menschen in unserer Stadt: Vincenz-Kirche, evangelische Kirche, die Synagoge in der Hochstraße ist Zentrum eines regen jüdischen Gemeindelebens, Heiligenhäuschen führen zur Kreuzkapelle, der jüdische Friedhof ist da, der Friedhof auf dem Kirchhof und der katholische Friedhof, wo gerade Totengräber Böckelmann mit vereinten Kräften ein Grab aushebt.
Schmiedeeiserne Gitterchen an Treppen und Haustreppen verweisen auf die Fertigkeiten der Mendener Schmiede. Zwei Schafherden mit Schäfern zeigen die teilweise bäuerlich-ländliche Prägung der Stadt, gleichzeitig wird aber auch die Bedeutung von Markt, Handel und Handwerk ersichtlich: ein Kaufmann steht vor seinem Geschäft, der Müller schleppt einen Sack Mehl, eine Holzkarre wird repariert. Das soziale Gefüge der Stadt wird mit einem Blick erkennbar: das höchste Haus des Gerichtsadvokaten Wulf-Wessing, das kleinste Haus des Nadlers Schocke, Fachwerkhäuser, deren Größe die gesellschaftliche Bedeutung ihrer Bewohner widerspiegelt, Patrizierhäuser aus Bruchstein wie die beiden Biggeleben-Häuser und das Wohnhaus des Pastors, die alte Pastorat. Dort eilt übrigens gerade die Haushälterin des Pastors eiligen Schrittes zum Plumpsklo, während die Kuh des Pastors aus dem Stall getrieben wird. Sicher handelt es sich bei der Haushälterin um die weißgewandete Frau, die noch heute in ihrer Not durch das Haus spuken soll. Es gab die unglaublichsten Berufe: In Menden wurde Seide hergestellt und verarbeitet, etwa von Seidenweber Caspar Heinrich Greve (360), Samtbänder von Sammetbandfabrikant Philipp Schramme (333), es gab den Lehrer Berenbrock (328), den Lumpensammler Kißmer (41), den Seifen- und Talglichtfabrikanten Greff (260) und das war dann später die berühmte Törnigs Burg. Auf dem Kirchplatz wird gerade die Feuerspritze bedient, die unsere Modellbauer nach einer Zeichnung gefertigt haben, welche 1777 in Hohenlimburg für eine Mendener Feuerspritze erstellt worden ist. Spritzenhäuschen an Kirche.
Neben all diesen Geschichten, die uns das Stadtmodell wieder lebendig macht, sind es vor allem zwei Erkenntnisse, die jeder Betrachter gewinnen wird: gerade im Gesamtüberblick zeigt sich, wie sehr die mittelalterliche Befestigungsanlage unsere Stadt geprägt und in ihrem Werden und Wachsen geformt hat. Das ist bis heute an der Grundstruktur unserer Altstadt ablesbar und hilft uns, vieles zu verstehen: den Verlauf der Mauer und der Wälle, die uns geschützt, umschlossen und auch beengt haben, die Bedeutung der Wasserläufe, die manchmal unorthodoxe Bauweise der Häuser bedingt durch die Enge in der Stadt, die Anlage von Straßen und Wegen, Plätzen, Verbindungen und Grenzen. Bürgerstolz, Bürgerrecht, Reichtum, Fleiß, Armut und Not sind ablesbar an der Größe und Ausgestaltung der Gebäude. Es zeigt sich, wie sehr die Geschichte die Gegenwart unserer Stadt bestimmt.
Das zweite ist die Erkenntnis, wie groß der Verlust an historischer Bausubstanz ist, der unserer Stadt in den zurückliegenden vier Jahrzehnten zugefügt worden ist und wie sehr sich der Erhalt der verbliebenen Substanz lohnt: siehe Schmarotzerhaus.
Diese zwei Erkenntnisse wird das Stadtmodell von nun an allen Generationen vermitteln. So kann das gefestigt werden, was uns alle durch eine unsichere Zukunft tragen kann: Heimatverbundenheit.”
















Hallo Karin,
vielen Dank für den schönen Bericht und die tollen Fotos.
Unser Dank gilt auch Herrn Architekt Franz Lenze, den Firmen Beierle und
Weber sowie den Rotary Club Menden für die Unterstützung und das Sponsering.
Unser Dank auch an Heimatforscher Wilhelm Josef Droste, der uns im
Staatsarchiv Münster in die Auswertung der Grundbücher eingeführt und
dabei mit großem Zeitaufwand unter Zurückstellung seines eigenen
Projektes geholfen hat.
Ein weiterer Dank gilt meinem früheren Arbeitgeber, dem Modellbaubetrieb
Hillebrand in Lendringsen, wo ich die Häuser anfertigen konnte.
Ein besonderer Dank, der eigentlich an die erste Stelle gehörte, gilt
unseren Frauen, die uns 2 ½ Jahre mit dem Stadtmodell teilen mussten.
Ich freue mich, dass wir nun den Stadtführern des VHS-Kurses, deren
Ausbildung ich an einigen Tagen unterstützen durfte, ein Modell zur
Verfügung stellen können, mit dessen Hilfe sie vor ihrem Rundgang einen
Gesamtüberblick geben können, ohne mit einem Auge auf vorbeifahrende
Autos achten zu müssen.
Wir wünschen allen Betrachten viel Freude mit dem Modell und den
Kritikern viel Geduld und Ausdauer beim Bau eines zweiten Modells.
Für das Modellbauteam Wolfgang Kißmer
Sehr geehrter Herr Kißmer, liebes Bauteam,
ich möchte mich hier an dieser Stelle ganz herzlich für Ihren Einsatz, Ihre geopferte Freizeit und Freundschaft in den vergangenen 2 1/2 bis 3 Jahren bedanken. Mir hat es sehr viel Freude bereitet, gemeinsam mit Ihnen und den anderen Teammitgliedern dieses Modell für Menden von Mendenern zu gestalten. Mit meinen zwei linken Händen konnte ich zwar nicht viel am Modell mitarbeiten (abgesehen von Blumenkästen vor ein paar Fenstern oder Satellitenanlage auf einem Haus in der Wasserstraße) aber meine Arbeit im Hintergrund konnte ich auch nur deshalb leisten, weil Sie mir den praktischen Teil abgenommen haben.
Ebenfalls die Recherchearbeiten konnte ich nur bedingt unterstützen.
Ich hoffe auf weiterhin gute Zusammenarbeit bei weiteren Arbeiten für Menden.
Norbert Klauke