Appell an die Heimatstadt – oder wie man Heimat definiert
Stephan Reisloh, der Geschäftsführer des Heimat- und Verkehrsvereins Menden (Sauerland) e.V. schrieb folgenden Text nach bekannt Werden der beabsichtigten Schließung der Mendener Zeitung im März 2010. Er stellt ihn freundlicherweise auch dem Mendener Magazin zur Verfügung. Es geht auch um die Verbundenheit zwischen dem Einzelnen und der Stadt, in der er lebt:
Wieder geht ein bedeutendes Stück Menden verloren – etwas, das zu Menden gehört hat wie seine Vincenzkirche oder sein Kapellenberg: Diesmal müssen wir uns ein für alle mal von der Mendener Zeitung verabschieden.
Traf es gestern noch die ländlichen Gemeinden, die Dörfer, die ihre wichtigen Einrichtungen wie den Tante-Emma-Laden und den Wirt von nebenan verloren haben – ein wichtiges Stück Dorfleben -, so hat man heute den Eindruck, sind nun die mittleren Städte an der Reihe, in denen sich die „heimatliche Infrastruktur” immer radikaler verändert wie durch Schließung der angestammten Kaufhäuser und örtlichen Zeitungen. Das tragische für den Bürger ist hier nicht nur der Verlust an demokratischem Pluralismus und damit Meinungsvielfalt, der mit Aufgabe einer Zeitung einhergeht, was zu einer monopolisierten Presselandschaft beiträgt, es ist vor allem aber auch der Verlust an Identität.
Der ach so verstaubte Heimatbegriff muss bewegt werden: Heimat ist Identität und Identität kommt aus der Geschichte und erzählt Geschichten. Heimat ist Mendener Zeitung am Frühstückstisch, das war Sparkasse Menden und das Mendener Schloss und wird bald möglicherweise der Bahnhof Menden gewesen sein. Auch der Abriss des Bahnhofsgebäudes wird den Mendenern ein Stück Heimat nehmen. Der Verlust des Mendener Schlosses hat Menden aus heutiger Sicht ein Loch in die Geschichte gerissen – als Stadtführer stelle ich dies bei jedem Rundgang fest -, ein großer Fehler, den wir heute bereuen – und das ist auch vielfach Meinung von jüngeren Menschen, die das Schloss gar nicht mehr selbst gekannt haben.
„Menden darf nicht enden!” war mal ein sehr erfolgreiches Stück in einem Mendener Theater, das die Finger in manche Wunde gelegt hat, aber so beliebt war, weil es ein klares Gesicht dieser Stadt gezeigt hat, unserer Heimatstadt, mit typischen charakteristischen Merkmalen. Ausgerechnet ein Redakteur der Mendener Zeitung hat mich mal gefragt, warum der Heimat- und Vekehrsverein Menden (Sauerland) e.V. diesen altertümlichen Heimatbegriff noch bemüht – heute die Antwort: Weil der Heimatbegriff nach 150 Jahren Mendener Zeitung eine ganz aktuelle Aufforderung ist, nämlich Heimat durch jedermanns Hinzutun erhalten zu müssen.
Weil Heimat die Schmöle-Villa mit den 150 Jahre alten Bäumen war und ist, die Kreuztracht vor Ostern genauso ist wie Heilig Abend vor St.-Vincenz. Weil Heimat in Menden das Blumendreieck ebenso ist wie es die Wilhelminischen Hainbuchenkegel an der Promenade sind. Wer Menden mal einige Jahre verlassen hat und zurückkehrt, der kann ganz besonders deutlich sagen, was eigentlich seine Heimatstadt ausmacht.
In den Touristenregionen Deutschlands arbeiten fleißige Marketingstrategen sog. Alleinstellungsmerkmale heraus, die nur für eine Stadt stehen, aber Wirkung wie ein „Leuchtturm” haben und Menschen deswegen anziehen, wie die Palmen unter den Rathaus-Arkaden fürs Stadtbild, die Pfingstkirmes und das Karnevalsmuseum im Teufelsturm. Diese Heimat muss gepflegt und gelebt werden. Auch unser Verein sucht immer wieder nach Unterstützung durch engagierte Menschen, die uns mit ihrer Mitgliedschaft helfen oder mit anpacken möchten, um ein kleines Stück Menden zu bewahren.
Heimat ist aber auch der Laden in der Stadt, in dem man die Verkäuferinnen kennt. Wer immer wieder nach Dortmund und Hagen fährt, um dort einzukaufen, der muss sich auch nicht wundern, dass die Geschäftswelt in der Innenstadt ärmer wird. Da nutzt das Klagen über Leerstände auch nichts. Wer in billige Diskountbäckereien einkaufen geht, muss nicht meckern, wenn alt eingesessene Traditions-Bäckereien schließen oder andere die „Stadtmauern” verlassen wie jüngst wieder ein Mendener Bäcker.
Daher müssen Alleinstellungsmerkmale herausgearbeitet und beworben werden. Es muss an Wiedererlebbarkeit von Geschichte gearbeitet werden wie wir mit der Sanierung der vergessenen Hagelbette als Heimat- und Verkehrsverein bewiesen haben, oder der Offenlegung des Glockenteichbaches, ein neues Projekt, das hoffentlich genug Unterstützung erfährt, um Neues mit Altem zu wagen, um die Stadt reicher und interessanter zu gestalten wie mit offenem Wasser. Andere Städte wie Paderborn, Hagen und Freiburg erfreuen sich an der Bereicherung der Innenstädte durch sichtbare Bäche, die eine immense Anziehungswirkung auf Kinder in einer familienfreundlichen Stadt haben.
Heimat ist Landschaft – Zur Heimat gehört auch das ländliche Stück Sauerland wie Werringsen und der St. Michaeliskapelle oder der Spitthof im Wiesentälchen am Limbergsbach, v.a. auch die Wälder rund um die Stadt wie die Waldemei und den Haunsberg, den Kapellenberg und den Hexenteich, die Bereiche, die rund um Menden eine erhebliche Bedeutung als Naherholungsgebiete haben. Wenn eine Autobahn mitten durch Stadt und Wald gepflügt wird und eine massive Trennwirkung zwischen Menden-Mitte und Lendringsen schafft, sind viele dieser Naherholungsgebiete unwiederbringlich zerstört oder erheblich belastet. Autolärm beeinträchtigt Naherholung so massiv, dass viele Mendener sich noch mehr ins Auto setzen und fortfahren, um echtes lärmfreies Naturerleben genießen zu können. In Menden geht es jetzt noch.
Wenn konservative Autobahnbefürworter wieder kritisieren, dass man einmal vorgenommene Planungen wie die der A 46 aus den 60er Jahren immer wieder hinterfragt statt sie endlich umzusetzen, muss man sich wundern über soviel Einseitigkeit. Bei alten Planungen, die bis heute nicht umgesetzt wurden, bedarf es einer Analyse, aus welchen Gründen: Weil die Planung schwierig und teuer ist, weil der Eingriff in die Landschaft zu hoch ist, weil die anliegenden Kommunen bis heute keine sinnvolle Trassenführung gefunden haben, weil man sich nicht einig über eine zufriedenstellende Lösung ist und weil Teile der Wirtschaft, die die A 46 einmal wollten, heute gar nicht mehr existieren und andere Teile, von denen man glaubt, sie brauchen eine Autobahn, sich auch ohne sie hier niedergelassen haben wie ein großes Logistikunternehmen – in der Wirtschaft werden solche nicht marktgerechten Lösungen auch mal verworfen. Es zählen neben knallharten Wirtschaftsfaktoren auch die weichen Standortfaktoren, die junge Akademiker mit ihren Familien nach Menden ziehen, die eher wegen eines attraktiven Familien freundlichen Umfeldes mit hohem Erholungspotential nach Menden kommen; eine A 46-Planung, die Menden so sehr beeinträchtigt, dass selbst die Straßenbaubehörde offen sagt, die neue Umweltverträglichkeitsstudie lasse keine Trassenführung ohne massive Zerstörungen von Natur und Landschaft zu. Eine solche Studie kann eine Autobahn aber nicht verhindern, wozu sie in diesem Fall m. E. aber Potenzial hätte, sondern darf die Planungen nur begleiten. Zudem urteilen viele mir bekannten A-46-Befürworter über eine Landschaft, die sie gar nicht kennen. Den Mendenern sei aus Sicht der gewaltigen negativen Auswirkungen der A 46 dringend geraten, sich für die Heimatstadt zu engagieren. So aktuell kann Heimat sein.
Der Heimat- und Vekehrsverein Menden ist der Mendener Zeitung und ihren Redakteuren zu Dank verpflichtet. Sie waren unserem Verein immer besonders verbunden, Sie haben unsere Themen intensiv verfolgt und gestützt, mit Ihren Serien zum Beispiel über Straßennamen haben wir uns gegenseitig befruchtet. Sie als Redakteure hatten den entscheidenden Vorteil, tief in Menden verwurzelt zu sein und am Puls des Leservolkes gearbeitet zu haben, Ihre Photographen haben fantastische Aufnahmen von Menden eingefangen.
Trotz mancher auch mal ernsterer Worte untereinander habe ich großen Respekt und Hochachtung für das für Menden Geleistete. Sie haben die Mendener Geschichte und die Geschichten getragen. Ein letzter Appell an die alle, die sich als Mendener fühlen:
Pflegt Eure Heimat, schützt Eure Traditionen, Landschaften und Dörfer, sie sind Eure Identität und Eure Geschichte und die einzige, die Ihr habt.
















