Menden freut sich aufs Schmarotzerhaus
Die Mendener werden lange, lange Reihe stehen, wenn am 25. April das frisch restaurierte Schmarotzerhaus an der Stadtmauer seine Tür öffnet. Museumsleiterin Jutta Törnig-Struck kann gar nicht fassen, was in den vergangen Woche alles passiert ist, und wie groß das Interesse der Mendener an ihrer Geschichte ist. Die Plätze für die im Halbstunden-Rhythmus laufenden Führungen sind längst vergeben.
Ab 11 Uhr erklären am Sonntag, 25. April, Christel Hilburg und Elisabeth Frohne im Eingangsbereich des Hauses, der auch Küche war, wie sich die armen Familien der Stadt organisiert haben. Schneidermeister Heinz Löffler und Schuhmachermeister Werner Frohne, zeigen, wie „früher” gearbeitet wurde. Der eine hat rechts vom Eingang seine Werkstatt eingerichtet, der andere links. „Anders als bei anderen Handwerken war es als Schneider war es von Vorteil, klein und schmächtig zu sein, umso flinker und geschickter konnte er arbeiten” erklärt Jutta Törnig-Struck. Sie erinnert an das Märchen vom tapferen Schneiderlein, in dem ein Schneider zum „Helden” wird, weil er sieben (Fliegen) auf einen Streich erledigt hat… Heinz Löffler wird im Schneidersitz auf der Tischplatte am Fenster sitzen und erklären, aber auch zeigen, wie gearbeitet wurde, als ein Anzug noch nach Maß und von Hand geschneidert wurde.
Werner Frohne – selbst Anwohner der Stadtmauer – zeigt, wie einst Schuhe entstanden und repariert wurden. Auch er hat seine alte Werkstatt gerettet und zum Teil für das Mendener Museum wieder aufgebaut. Frohne und Löffler sind längst „goldene” Meister, vor mehr als 50 Jahren haben sie die Meisterprüfung mit Erfolg abgelegt.
Unter dem Dach ist ein „Elternschlafzimmer”, eine Kinderstube und eine Waschküche eingerichtet. Doch sicher wurden die Zimmer von den Familien, die in dem Haus lebten, nicht so nett und überschaubar eingerichtet bewohnt. Die Frauen bekamen damals ein Kind nach dem anderen. In einem Bett schliefen immer mehrere Kinder. Und auch im Elternschlafzimmer werden nicht nur Mann und Frau die Nacht verbracht haben”, weiß Jutta Törnig-Struck.
Wie anstrengend es war, Wäsche zu machen, wie die sanitären Anlagen funktionierten, wie man mit den Jahreszeiten lebte, wie schwierig es war, als Tagelöhner seine Familie zu ernähren – all das wird lebendig, wenn das Team um Jutta Törnig-Struck am 25. April berichtet.
Das Schmarotzerhaus am äußersten Rand der (damaligen Stadt) – es heißt Schmarotzerhaus, weil es an die Stadtmauer gebaut wurde und man sich eine Wand sparen konnte – macht Mendener Geschichte erlebbar.
Gut und wertvoll, dass es von der Mendener Stiftung Denkmal und Kultur vor dem völligen Verfall gerettet wurde. Gut und wichtig, dass es Mendener gibt, die Geschichte aufarbeiten und wieder geben können. Gut zu wissen, dass sich so viele Mendener dafür interessieren.
Die Tatsache, dass Frauen früher zahlreiche Kinder bekamen, diese aber häufig nicht das Erwachsenalter erreichten, liegt auch an den hygienischen Zuständen, die früher herrschten. Pest, Cholera, Typhus, Tuberkulose - diese Krankheiten dezimierten die Bevölkerung rapide.
Frauen, die oft mehrere Kinder verloren, hielten sich in ihrem Leid an der Gottesmutter Maria fest. Menden ist ein Ort gewesen, in dem die Marienverehrung an der Tagesordnung stand.
Nach einer etwa einjährigen Planungsphase und einer ebenso langen Restaurierungszeit konnte Peter Hoppe, der Initiator und Begründer der Mendener Stiftung Denkmal und Kultur, das 1709 gebaute Fachwerkhaus im November vergangenen Jahres der Stadt als Zweigstelle des Museums übergeben. Nun ist es eingerichtet mit Werkstätten, Möbeln, Schlafgelegenheiten und Hausgerät aus der Zeit von 1900 bis 1930 und erzählt vom harten Alltagsleben eines Mendener Tagelöhners mit seiner kinderreichen Familie.
Beengte Wohnverhältnisse prägten das Leben der unteren sozialen Schichten. Es ist das besondere an diesem Häuschen, dass es gerade vom Alltag armer Leute erzählt — häufig haben sich die schmucken Häuser von Patriziern, Adeligen oder besser situierten Handwerkern erhalten, ein Arme-Leute-Haus, das über dreihundert Jahre in seiner Grundstruktur unverändert geblieben ist, hat jedoch höchsten Seltenheitswert.

















Heute (bevor ich diese Seite entdeckte…!) im Lokalkompass eingestellt:
Eröffnung des Museums im
Schmarotzerhaus
Die seit Wochen kostenlos verteilten Eintrittskarten für die heutigen Führungen waren allesamt vergriffen, was für den Erfolg der Sponsoren der Restauration des Schmarotzerhauses sprechen dürfte. Ehrenamtliche Helfer in nostalgischer Kleidung führten einzeln durch die Räume und hätten Stunden länger erzählen können, wenn nicht Frau Jutta Törnig-Struck, Museumsleiterin, darauf bedacht gewesen wäre, einigermaßen mühsam auf die Einhaltung des gesteckten Zeitplans zu achten. Um jedoch so vielen Interessierten wie möglich einen ersten Einblick gewähren zu können, war die Zeit der einzelnen Führungen auf 30 Minuten beschränkt. Maximal 16 Besucher drängten sich in die jeweils kleinen Zimmerchen des Hauses.
Warum „Schmarotzerhaus“? Wo möglich, nutzte man damals die mittelalterliche Stadtmauer als rückwärtige Hauswand, so daß man nur noch drei neue Wände des Hauses errichten mußte. Man „schmarotzte“ also ganz offiziell und mit städtischer Genehmigung.
Das heute eröffnete Häuschen „An der Stadtmauer 5“ war als einziges in Aufteilung und Grundriss unverändert, allerdings stark verfallen. Die Stiftung „Denkmal und Kultur“ konnte dieses einmalige Denkmal am 27. November 2009 nach langen Restaurierungen an die Stadt Menden übergeben. Mit viel Liebe zum Detail wurde Zimmer für Zimmer nach altem Vorbild eingerichtet, so daß die Besucher einen guten Einblick in das Leben der arbeitenden Bevölkerung nehmen konnten.
Im Eingangsbereich, den wir heute allenfalls als Diele nutzen würden, spielte sich das Familienleben hauptsächlich ab. Kaum vorstellbar, auf etwa 5 Quadratmetern neben bis zu 10 Kindern zu kochen, waschen, baden… halt leben. Auffällig ist der ziemlich niedrige Herd, der mit Holz zu beheizen war. Wie auch insgesamt sehr niedrige Decken läßt er die Vermutung zu, daß die Menschen über die letzten Jahrhunderte immer größer wurden. Nach hinten rauß wurde die Stadtmauer, die als Rückwand des Hauses diente, durchbrochen, um dort ein sog. „Plumps-Klo“ einzubauen. Auf diese Demonstration wurde bei der Restaurierung allerding zugunsten einer modernen Toilette verzichtet, was sicherlich mancher Besucher schon heute zu schätzen wußte.
Beide kleine Nebenräume sind als Werkstätten eingerichtet – eines für einen Schuhmacher und eines für einen Schneider. Damals dürfte eines dieser Zimmer als kleine „gute Stube“ gedient haben.
Ebenfalls drei kleine Räume in der oberen Etage, zu der eine enge Holzstiege führt, die eher an eine Leiter als an eine Treppe erinnert. Ein Zimmerchen wurde für die Hausfrau eingerichtet – zum bügeln, waschen, trocknen, mangeln – also ebenfalls Arbeitszimmer. Zwei weitere Zimmer als Schlafgemache. Keine Kleiderschränke – Wäsche wurde in Truhen verwahrt, die je nach finanziellen Verhältnissen der Bewohner in der Größe variierten. Während den Eltern ein größeres Bett zur Verfügung stand, teilten sich oft mehrere Kinder eine Schlafstatt. Kinderspielzeug, falls vorhanden, war meist einfach und/oder aus Holz selbst gemacht. Allerdings war das Haus sicherlich nicht zum Spielen und langem Verweilen der Kinder geeignet. Außerdem mußten insbesondere die Töchter der Familie weit mehr als heute üblich bei der Hausarbeit helfen.
Für weiter Interessierte erwähnte Frau Törnig-Struck geplante Work-Shops, die einen erweiterten Zeitrahmen und somit Einblick in das Leben einstiger Tagelöhner ermöglichen werden.